Ursula Bredel
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Ursula Bredel untersucht, wie Kinder lesen und schreiben lernen, und differenziert dabei zwischen dem ungesteuerten Erwerb und dem gesteuerten Lernen. Während der Erwerb als ein natürlicher, eigenaktiver Prozess verstanden wird, bei dem Kinder durch Hypothesenbildung und Regelableitung Kompetenzen aufbauen, bezeichnet das Lernen den institutionell gesteuerten Wissensaufbau in der Schule. Erfolgreicher Schriftspracherwerb wird als eine optimale Kombination beider Prozesse betrachtet, bei der schulischer Input die Kinder in ihrer sogenannten Zone der nächsten Entwicklung herausfordert.
Ein zentraler Punkt der Untersuchung ist die begriffliche Abgrenzung. Während der „Schrifterwerb“ primär technische Aspekte wie die Beherrschung des Alphabets, die Schreibmotorik und die Dekodierung von Zeichen umfasst, zielt der „Schriftspracherwerb“ auf ein weitaus komplexeres System ab. Hierbei lernen Kinder nicht nur ein Zeichensystem, sondern auch spezifische grammatische Strukturen, textstrukturierende Mittel und einen schriftsprachlichen Stil, der sich grundlegend von der gesprochenen Sprache unterscheidet.
Moderne Bildungsstandards spiegeln diesen Wandel wider: Weg von einer rein technischen Vermittlung hin zu einer textorientierten Kompetenzentwicklung. Das motorische Schreiben und die Rechtschreibung werden heute als notwendige Teilfertigkeiten verstanden, die automatisiert werden müssen, damit sich das Kind auf den inhaltlichen Aufbau und das Verstehen von Texten konzentrieren kann. Kompetente Leser zeichnen sich dabei vor allem durch Strategien aus, mit denen sie Lesestörungen oder Verständnisprobleme aktiv reparieren können.
Alex: Ein Kind muss also lernen, in einem neuen Code zu denken – nicht nur einen alten Code zu übersetzen.
Sam: Genau. Und das erklärt auch, warum ein Kind schon „MAMA." schreibt – mit Punkt am Ende – obwohl es im Unterricht noch gar keine Interpunktion hatte. Es hat den Punkt als Sinneinheit aus seinem Umfeld abgeleitet. Das ist kein Auswendiglernen – das ist das Ergebnis einer eigenen Analyse.
Alex: Aber wenn Kinder das so gut alleine können, warum ist der Unterricht dann so streng strukturiert?
Sam: Das ist eine berechtigte Frage. Das Problem in der Praxis ist, dass es methodisch sehr schwierig ist, den Anteil des ungesteuerten Erwerbs vom gesteuerten Lernen zu trennen. Wenn ein Kind Fortschritte macht, ist das fast immer eine Mischung aus beidem – und wir können selten genau sagen, was aus dem Unterricht kommt und was aus der eigenen Neugier des Kindes.
Alex: Das macht es schwer zu beurteilen, welche Lehrmethode am wirkungsvollsten ist.
Sam: Ja. Aber die Forschung warnt davor, zu glauben, dass nur die Anleitung von außen zählt. Wenn wir das Kind als aktiven Analytiker verstehen, könnte das den Unterricht grundlegend verändern. Man würde den Kindern mehr Raum zum Experimentieren lassen, statt sie Schritt für Schritt durch vorgegebene Übungen zu führen. Das Klassenzimmer wäre dann ein Ort des explorativen Lesens und Schreibens – nicht nur des Nachahmens.
Alex: Und das Material, mit dem Kinder arbeiten, müsste dann gezielt ausgewählt sein – nicht zu einfach, aber auch nicht zu weit voraus?
Sam: Genau das. Der Input muss in diese Zone der nächsten Entwicklung fallen. Das Kind ist kein leeres Gefäß, das gefüllt werden muss. Es ist ein aktiver Mitgestalter seiner eigenen Sprachkompetenz. Und wenn wir das ernst nehmen, sollte dieses Vertrauen in die kognitiven Fähigkeiten von Kindern stärker in die Gestaltung von Unterricht einfließen – sowohl für Lehrkräfte als auch für Eltern.
Alex: Eine Perspektive, die zum Nachdenken einlädt. Vielen Dank fürs Zuhören bei ResearchPod.